Dreiklang der Sinne: Musik trifft Tanz

15.09.2025

Simon Wallinger und seine Frau Mariona Mateu Carles sind immer wieder für Überraschungen gut. (Pforzheimer Zeitung)

Leonie Stöckle aus München eroberte mit ihrem Tanz den ganzen Raum. Foto: Dietmar Bastian 
Leonie Stöckle aus München eroberte mit ihrem Tanz den ganzen Raum. Foto: Dietmar Bastian

Lienzingen. Simon Wallinger und seine Frau Mariona Mateu Carles sind immer wieder für Überraschungen gut. Ihre schon längst zum festen Bestandteil des „Musikalischen Sommers in der Frauenkirche“ gewordene „LienzingenAkademie“ ist jener Raum, in dem die beiden, zusammen mit ausgesuchten und befreundeten Musikern, gewohntes Terrain verlassen und weiße Flecken auf der Landkarte des Kulturbetriebs erschließen.

In diesem Jahr haben sich die Wallingers für einen Ausflug in die Welt des Ausdruckstanzes entschieden. Doch das ist noch nicht alles. Als „Mitwirkende“ in diesem besonderen Trialog treffen nicht nur Musik und Tanz aufeinander. Hinzukommen – gleichsam als kollektives Unbewusstes – Licht und Schatten, der Mythos Apollon, Sohn des Zeus, Gott des Lichts und der Musik, und Hugo Kükelhaus‘ feinsinnige Geschichte vom „Träumling“, ein Zwischenwesen aus Mensch, Tier, Pflanze und Stern.

Das Experiment gelang nicht nur, nein, das Gesamtkunstwerk wurde für das Publikum in der fast ausverkauften gotischen Frauenkirche zu einem höchst sinnlichen Vergnügen für Herz, Ohr und Auge. Aus Vielem wurde am Ende Eins, wobei ein Ganzes immer sehr viel mehr ist als nur die Summe seiner Teile (Aristoteles). 

Doch schauen wir uns die drei Bausteine des Projektes an: Erstens die Musik: Die 12 Streicherinnen und Streicher führten Kammermusik von Telemann, Boesset, Bach, Rameau und Couperin aus der Zeit des Barocks auf und stellten sie den zehn Sätzen der neoklassizistischen Ballettmusik Strawinskys gegenüber. Die zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstandene Musik begegnete den Zuhörerinnen und Zuhörern überraschenderweise kein bisschen als Gegensätze, sondern als interessante Gesprächspartner. Als Beispiel sei Telemanns Ouvertüre aus der „Wassermusik“ TWV 53 genannt. Beim Fugato musste man unwillkürlich die Luft anhalten, so sauber und gut durchatmet erklang die Musik.

Zweitens der Ausdruckstanz: Die charismatische Leonie Stöckle aus München eroberte sukzessive den gesamten Kirchenraum, schwebte nahezu, balancierte auf einem Baumstamm. Ihre Arme, Hände, Finger wurden zu Ästen, Zweigen und Lianen. Im stummen Dialog, besonders mit der Solovioline, griff sie den Lichteinfall durch die Fenster auf. Nach und nach wurde ihr eigener Schatten, der sich auf den gekalkten Wänden abzeichnete, mit einbezogen. Tanz und Pantomime wurden eins.

Drittens die Inhaltsebene: Apollon und der „Träumling“ traten zwar nicht explizit in Erscheinung, waren aber im Kirchensaal allgegenwärtig. Die inneren Bilder mussten nicht Prosa werden, sie blieben flüchtige Träume und Schatten. Fazit: Stark! 

(Pforzheimer Zeitung vom 15.09.2025, Text und Foto: Dietmar Bastian)