Mit Musik Grenzen überschreiten

11.09.2025

Für Simon Wallinger ist die Lienzinger Frauenkirche ein Ort der Kindheitserinnerungen – heute leitet er dort mit seiner Frau die LienzingenAkademie. (Pforzheimer Zeitung)

Simon Wallinger möchte mit seinen szenischen Konzerten neue Perspektiven ermöglichen. Foto: Lucas Röhr 
Simon Wallinger möchte mit seinen szenischen Konzerten neue Perspektiven ermöglichen. Foto: Lucas Röhr

„Auf genau dieser Kirchenbank habe ich schon als Kind gesessen“, erinnert sich Simon Wallinger und zeigt auf eine lange Sitzreihe in der Lienzinger Frauenkirche, die sich von der seitlichen Mitte des Raumes fast bis zum Altarraum zieht. „Für mich war damals gar nicht nur die Musik das Spannende, sondern die Menschen, die Gemeinschaft. Hier hatte ich alles im Blick.“

Die 500 Jahre alte Kirche ist ein Stück Heimat für den 32 Jahre alten Musiker, der wenige Kilometer entfernt in Zaisersweiher aufgewachsen ist. Die Verbindung hat er nie verloren. Im Gegenteil, seit 2018 veranstaltet der Sohn von Peter Wallinger, dem Gründer und Leiter der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim sowie Initiator der Konzertreihen „Musikalischer Sommer“ in Lienzingen und „MühlackerConcerto“, hier gemeinsam mit seiner Frau Mariona Mateu Carles die LienzingenAkademie – ein Musiklabor, in dem junge Musikerinnen und Musiker innovative und interdisziplinäre Formate entwickeln. „Wir erforschen Dinge und schauen, was dabei herauskommt“, beschreibt der ausgebildete Pianist und Kontrabassist die Arbeit des jungen Ensembles, das Profis aus aller Welt versammelt und sich jedes Jahr und je nach Programm neu zusammensetzt.

Am Sonntag, 14. September, ist es wieder so weit. Dann wird das Kammerensemble der LienzingenAkademie mit Strawinskys „Apollon musagète“ zu erleben sein. Tanz darf dabei nicht fehlen: Leonie Stöckle wird das Streichkonzert tänzerisch begleiten. Wallinger selbst ist als Kontrabassist zu hören. Verbunden wird die Aufführung mit der Geschichte um den „Träumling“ des Philosophen, Künstlers und Pädagogen Hugo Kükelhaus – ein Text, der auch im Hinblick auf den Umgang mit der Natur zum Nachdenken anregt.

Für Wallinger ist genau das der Kern von Musik: eine „Grenzerfahrung, die zusammenführt“. Die Welt sei voll von Konflikten, doch im Konzert übertrete man gemeinsam mit dem Publikum eine Schwelle. „Dann entsteht etwas völlig Neues.“ In solchen Momenten fühlt er sich voll angekommen.

Auch beruflich hat Wallinger seinen Platz gefunden: Seit 2023 ist er Solo-Kontrabassist im Südwestdeutschen Kammerorchester, wo er seit Februar auch dem Orchestervorstand sowie dem künstlerischen Beirat angehört. Bereits 2022 gab er sein Debüt als Dirigent bei der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim.

Wie er die Arbeit in den unterschiedlichen Rollen erfahre? „Der Dirigent animiert und inspiriert die Musiker, noch weiter in die Musik einzutauchen – und macht sich im Idealfall selbst überflüssig“, erklärt der Profi. Bereitet man sich auf der anderen Seite als Musiker so umfassend wie ein Dirigent vor, „kann man enorm zum Gelingen der Musik beitragen“. Im besten Fall sei es ein Geben und Nehmen. „Ich habe Dirigenten erlebt, die waren auf eine Weise präsent und mit sich im Reinen – das hat Barrieren abgebaut und plötzlich war alles ganz einfach.“

Diese Haltung – das Miteinander, das Vertrauen, das Loslassen – prägt nicht nur sein musikalisches Schaffen, sondern auch seinen Alltag, in dem er viel unterwegs ist. Dass er dabei zwischendurch auch an seine Grenzen kommt, gibt der Vater von zwei kleinen Kindern offen zu. Humor hilft ihm, entspannt zu bleiben. „Ich bin viel gestresster, wenn ich aus allem ein Drama mache. Meist ist es ja gar nicht so schlimm.“

Und was empfiehlt er jungen Musikern, die sich am Anfang ihres Weges befinden und sich gegen eine große Konkurrenz behaupten müssen? „Den Mut zu haben, das zu tun, womit man sich zu Hause fühlt, und sich nicht davon abbringen zu lassen“, so Wallinger. „Denn nur das, worin du du selbst sein kannst, ist deine Stärke.“

Für das Konzert am Sonntag, 14. September, 11 Uhr, in der Frauenkirche Lienzingen gibt es Karten im Vorverkauf und an der Konzertkasse (Erwachsene: 25 Euro, ermäßigt: 10 beziehungsweise 20 Euro). Kartenreservierungen sind unter (0 70 43) 95 83 93 oder susanne@boekenheide.net möglich. Am Samstag, 6. Dezember, um 19 Uhr, ist das Konzert außerdem im Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen zu erleben.

(Pforzheimer Zeitung vom 11.09.2025, Text: Elisa Giesecke, Foto: Lucas Röhr)