23.09.2025
Mit einem glänzenden Konzert des Ensembles „Raisonant“ ist der Musikalische Sommer 2025 in der Frauenkirche Lienzingen zu Ende gegangen. Das Programm ist raffiniert zusammengestellt und bewegt sich in einem Spannungsfeld von Tradition und Innovation. (Mühlacker Tagblatt)
Mühlacker-Lienzingen. Menschen neigen dazu, in Schubladen zu denken. Das vereinfacht das Denken und erleichtert die Orientierung in einer immer komplexeren Welt – was zu einem Gefühl der Sicherheit beitragen kann. Doch gerade in der Kunst bringt statisches Denken nicht wirklich weiter. In jeder Kunstepoche gab und gibt es zur selben Zeit Traditionalisten und Neuerer. Als Johann Sebastian Bach Thomaskantor in Leipzig war, hatte die Zeit der Empfindsamkeit und der Frühklassik, etwa in Mannheim, schon längst begonnen. Bach war – und das schmälert seine Bedeutung als einen der größten Tonschöpfer aller Zeiten keinesfalls – „nur“ der hellste Stern einer ausgehenden Epoche.
In diesem musikalischen Spannungsfeld von Tradition und Innovation bewegte sich das Schlusskonzert des Musikalischen Sommers 2025 mit dem Trio „Ensemble Raisonant“ (Leonard Scheib, Traversflöte und Blockflöte, Marie Deller, Violoncello und Blockflöte, und Wiebke Weidanz, Cembalo). Ein raffiniert zusammengestelltes Programm mit Werken von Joseph Bodin de Boismortier, Johann Joachim Quantz, Antonio Vivaldi, Christoph Graupner, Carl Philipp Emanuel Bach, Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach bildete die Aktionsfläche, auf der die drei Spitzenmusiker ihre auf Alte Musik ausgerichtete, weit arrivierte Kunst ausleben konnten.
Nicht nur das Publikum wurde gleich zu Beginn mit Boismortiers Triosonate für Flöte, Cello und Basso Continuo, opus 37 Nummer 2 in einen musikalischen Strudel hineingezogen, der es knapp zwei Stunden lang nicht mehr freigeben sollte, nein, auch die drei Vollprofis selbst hatten sicht- und hörbar ihr Vergnügen an ihrer Musik.
Die Programmfolge war bemerkenswert: Es wurden nicht etwa – chronologisch – zuerst die barocken und danach die vorklassischen Werke aufgeführt, sondern – sicherlich ganz bewusst – im Wechsel. Dieser Trick führte zu einem überaus reizvollen Gespräch unterschiedlicher Klangwelten, die am Ende doch mehr miteinander zu tun haben, als man vielleicht glauben mochte. Die komplexe, häufig kontrapunktische Satztechnik des Hochbarock und die eher subjektiv-empfindsame Klangsprache des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel oder des frühklassizistischen Flötenpapstes Johann Joachim Quantz schlossen sich nicht etwa gegenseitig aus, sondern fanden wunderbar zusammen.
Organisch finden die drei Könner einen gemeinsamen Atem.
Bei der Matinee griff die Cellistin Marie Deller des Öfteren zur Altblockflöte, die sie genauso meisterhaft beherrscht wie das Cello. Ein hochkomplexer „Canon all’Unisono für zwei Blockflöten und Basso Continuo von Christoph Graupner, das „Concertino D-Dur“ von Antonio Vivaldi, bearbeitet von Johann Sebastian Bach für Cembalo solo, und weitere Kabinettstückchen mehr ließen die Matinee zu einem genussreichen Hörvergnügen werden. Die Markenzeichen des Ensembles sind Stilsicherheit, technische Eloquenz und historische Authentizität. Es ist bewundernswert, wie organisch die drei Könner einen gemeinsamen Atem finden, wie gut die Agogik der Übergänge funktioniert, wie federleicht ihnen die barocke Verzierungstechnik von den Händen beziehungsweise Fingern geht. Natürlich wird diese Musik idealerweise auf historischen Instrumenten gespielt, also der hölzernen Traversflöte statt der Querflöte, dem barocken Cello mit Konkavbogen im Ober- oder Untergriff, und dem Cembalo.
Zwischen Leonard Scheib, der eine Professur an der HfMT in Köln innehat und als Traversflöten-Virtuose europaweit unterwegs ist, Marie Deller, die mit namhaften Orchestern zusammenspielt, und Wiebke Weidanz, der Preisträgerin des Bachpreises Leipzig 2000, Professorin an der MHS Nürnberg und Assistentin von René Jacobs, einem frühen Visionär der Alten Musik in Deutschland, gibt es gemeinsame Schnittflächen, zum Beispiel das Freiburger Barockorchester oder Concerto Köln. Ist das vielleicht der Grund dafür, dass sie sich wie blind verstehen ? Ein glänzendes Schlusskonzert, dem man noch etwas mehr Publikum gewünscht hätte.
(Mühlacker Tagblatt vom 23.09.2025, Text und Foto: Dr. Dietmar Bastian