Gesamtkunstwerk aus Klang, Raum und Tanz

18.09.2025

Strawinsky in der Lienzinger Frauenkirche beim „Musikalischen Sommer“: In der Matinee verschmelzen die Dimensionen. (Mühlacker Tagblatt)

Die Streicher der LIENZINGENAkademie widmen sich dem Ballett „Apollon Musagète“. Fotos: Weber 
Die Streicher der LIENZINGENAkademie widmen sich dem Ballett „Apollon Musagète“. Fotos: Weber

Mühlacker-Lienzingen. Insgesamt haben zwölf Streicher von der „LienzingenAkademie“ 2025 im Rahmen des „Musikalischen Sommers“ das neoklassizistische Ballett „Apollon Musagète“ (deutsch: Apollon, Führer der Musen) von Igor Strawinsky, das 1928 in Washington uraufgeführt wurde, gespielt. Die einzelnen Sätze traten mit Stücken aus dem Barock in Dialog. Hier kam Telemann mit seiner Wassermusik zu Wort, aber ebenso Boesset, Bach, Rameau, Couperin sowie Playford. Eine kluge Idee, wie die einleitenden Worte nahelegten: „Strawinsky ließ sich maßgeblich von dieser Epoche inspirieren. So zeigte sich der Komponist als Grenzgänger zwischen harmonischer Tradition und atonaler Moderne.“

Die musikalische Qualität war betörend in den hellen und klaren Tönen sowie auch in der rhythmischen Präzision, die auf den Punkt gelang. Dies war angesichts der starken rhythmischen Kontraste bei Strawinsky in dem intimen Ambiente der Lienzinger Frauenkirche durchaus eine Herausforderung und eine große Leistung. Die Streicher überzeugten sowohl in den klassisch geprägten als auch in den visionären Stücken – nicht allein technisch, sondern auch in der intellektuellen Interpretation.

Ursprünglich wurde von dem russischen Choreographen George Balanchine zu der Musik ein Ballett kreiert, das sich passend zu den Zwischentiteln auf Gestalten der griechischen Mythologie bezieht: der Musikgott Apollon tanzt darin mit den drei Kunstmusen Kalliope (Poesie), Polyhymnia (Lyrik) und Terpsichore (Tanz) und führt sie im letzten Satz der „Apotheose“ zu seiner Residenz auf dem Parnass. In Lienzingen jedoch trat an ihre Stelle eine andere Figur: der „Träumling“. Dieses von Hugo Kükelhaus entwickelte Wesen, „eine Zwischengestalt von Mensch, Tier, Pflanze und Stern“, entstammt seinem Kinderbuch „Bildgeschichten vom Träumling“ von 1951.

Zum Träumling ist der Konzertbroschüre ein Text des Autors Kükelhaus beigefügt. Nach kurzer Recherche bei Wikipedia stellt sich heraus, dass der Autor in einem problematischen Verhältnis zum Nationalsozialismus stand. Auf Nachfrage konnten die Veranstalter glaubwürdig versichern, dass ihnen dieser Umstand nicht bewusst war.

Bei der nächsten Aufführung am 7. Dezember im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen wird Christina Dollinger bei ihrer Einführung auf diese Verwicklung hinweisen. Der Träumling ist kein Geschöpf des Bildungsbürgertums; keiner, der schreibt, denkt und fragt, sondern einer, der sich unbedarft der Natur verbunden fühlt.

Leonie Stöckle beeindruckt in der Frauenkirche mit ihren federleichten Bewegungen. 
Leonie Stöckle beeindruckt in der Frauenkirche mit ihren federleichten Bewegungen.

Umso mehr ist hervorzuheben, dass es der freischaffenden Tänzerin Leonie Stöckle vorzüglich gelang, dieser Figur die zu Strawinksy passenden Aspekte abzugewinnen und zu abstrahieren. Und zwar stellte sie den traumtänzerischen Aspekt von Strawinksys Musik dar, den schwebenden Charakter einer Musik, die zwischen den Welten von Tradition und Moderne wandelt. Sie füllte mit ihren federleichten Bewegungen den gesamten Kirchenraum aus. Sie schwebte zwischen den Zuschauerreihen, flog die Treppe an den beiden Fresken vorbei auf die Kanzel empor und balancierte auf einem massiven Ast in der Mitte des hellerleuchteten Chorraumes. Bemerkenswert waren auch ihre Schattentänze, bei denen sie mithilfe eines Schlaglichts ihre Gestalt auf die Wand projizierte, die je nach Entfernung die gesamte Raumhöhe bis zur Decke einnehmen konnte.

Das Ensemble bekam für die gelungene Präsentation Rosen geschenkt, und das Publikum bedankte sich mit lauten Bravorufen und tosendem Applaus.

(Mühlacker Tagblatt vom 18.09.2025, Text: Dr. Lilli Weber, Fotos: Weber)