23.07.2025
Musikalischer Sommer: Das Lotus Quartett gastiert in der Frauenkirche Lienzingen und bietet eine gelungene Synthese aus Raum und Spiel. (Mühlacker Tagblatt)
Mühlacker-Lienzingen. Dass das Streichquartett, die Königsdisziplin gehobener Kammermusik, auch heutzutage nichts von seiner Attraktivität verloren hat, bewies das Konzert am Sonntagvormittag in der voll besetzten Frauenkirche Lienzingen. Seit vielen Jahren hat es dort in den Programmen des „Musikalischen Sommers“ einen würdigen Platz gefunden – und dies in Händen einer Quartettformation von internationalem Rang, dem Lotus Quartett in der Besetzung Sachiko Kobayashi und Swantje Asche-Tauscher (Violinen), Tomoko Yamasaki (Viola) und Chihiro Saito (Violoncello). Seit 2001 bereichert das Ensemble mit seiner weltweit geschätzten, außergewöhnlichen Spielkultur und Interpretationskunst die Lienzinger Sommerkonzerte.
Die Vertrautheit mit dem Kirchenraum und seiner besonderen Akustik war schon in den allerersten Takten von Claude Debussys Streichquartett opus 10 mit seinen sphärischen Akkorden erlebbar: In beglückender Synthese aus Raum und Spiel zauberten die vier Musikerinnen Momente, die das weite Spektrum vom voll Orchestralen bis hin zum hauchzarten Pianissimo umfassten. Debussy, mit dem das Quartett erste Wettbewerbserfolge erzielte, scheint den Musikerinnen besonders vertraut. Nach klassischem Muster viersätzig komponiert, ist das Werk mit einer äußerst nuancenreichen Klangsprache versehen, mit ungewöhnlichen Harmoniefolgen, flirrenden Trillerketten, ostinaten Figuren – ein blühender Kolorismus ohne jegliche Schärfe und vom Lotus Quartett traumhaft umgesetzt. „Die Melodien wandeln wie auf einem prunkvollen und kunstvoll geschmückten Teppich in ungewohnten Farben, aus deren Zusammenstellung die schreienden und einander widerstreitenden Töne verbannt sind.“ So umschreibt Debussys Zeitgenosse Paul Dukas treffend seine Höreindrücke.
Nach diesem wahren Klangrausch der Sinne wurde das begeisterte Publikum bereits nach einer halben Stunde in die Pause entlassen, um danach mit dem fast doppelt so langen a-moll-Quartett opus 132 in den groß angelegten Klangkosmos des späten Beethoven einzutreten.
Auch hier spricht aus der Musik deutlich vernehmbar Freiheitswille und Aufbruch zu neuen Ufern – bei Beethoven geht die Reise in Richtung Romantik, bei Debussy Richtung Moderne. Intentionen, für die die experimentierfreudige Gattung Streichquartett wie geschaffen scheint.
Bei aller Komplexität des Beethoven’schen Oeuvre gelang den Musikerinnen mit ihrer großartigen Interpretation der unendlich weit gespannte, große Bogen einer unmittelbar eingängigen Dramatik. In dessen Zentrum erklang als Ruhepunkt der ergreifende „Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart“, ein Choral in altertümlicher Satztechnik, von tänzerischen Episoden abgelöst und vom Komponisten überschrieben mit „neue Kraft fühlend“.
Bewundernswert das Lienzinger Publikum, das sich mit solcher Aufmerksamkeit und Intensität dem Sog dieser recht anspruchsvollen Werke hinzugeben bereit war. Und ein Glücksfall, dass mit dem Lotus Quartett eine so hochkarätige Formation mit einem so immensen Quartett-Repertoire immer wieder zu gewinnen ist.
(Mühlacker Tagblatt vom 23.07.2025, Text: pm, Foto: privat)